“Bürokratie 2.0” oder “Wie wird unser Leben leichter gemacht …”

Es sollte ein ganz normaler, wenn auch nicht angenehmer Amtsgang werden, diesmal ein Besuch der Ausländerbehörde in Darmstadt mit dem Ziel, ein Besuchsvisum für eine im Ausland lebende Person zu beantragen. Dies ist für mich nichts Neues, sowas mache ich alle drei Monate. Nur diesmal wurde ich durch eine Neuerung seitens der Ausländerbehörde überrascht, oder besser seeehr überrascht…

Ich wollte es kurz halten, geht aber nicht. Um das Ausmaß des Wahnsinns zu verstehen führt keinen Weg daran vorbei, die Situation vor und nach der Neuerung darzustellen.

Bis gestern lief es so ab: Um rechtzeitig auf der Arbeit erscheinen zu können musste ich morgens einer der Ersten in der Warteschlange sein, deswegen war ich immer bereits um 7.00 im Flur der Behörde, die erst um 7.30 mit ihrer anstrengenden Arbeit beginnt. Somit war ich der Erste. Die Zeit bis zum Arbeitstagbeginn konnte man auch semi-sinnvoll nutzen, indem man z.B. nach der richtigen Tür sucht, was auch keine leichte Aufgabe für jemand um 7.00 morgens ist. Im Treppenhaus stand z.B. “Aufenthaltsangelegenheiten/Verpflichtungserklärungen Zimmer 212 – 215”, wenn man aber direkt vor dem Zimmer 212 stand, dann sah man folgende Zusatzhinweise: “Verpflichtungserklärungen für nicht Besuchsaufenthalte (Verpflichtungserklärungen für Besuchsaufenthalte bekommen Sie im Zimmer 213)”. Vor dem Zimmer 213 stand folgendes: “Verpflichtungserklärungen für Besuchsaufenthalte (Verpflichtungserklärungen für nicht Besuchsaufenthalte bekommen Sie im Zimmer 212)” und dann “Vorsprache nur mit Nummer möglich”, “Nummer erhalten Sie im Zimmer 215”. Vor dem Zimmer 215 stand: “Nicht besetzt, Vertretung im Zimmer 212”. Somit war der Kreis geschlossen.

Nicht desto trotz war es ein mir bekannter Ablauf, der in 99% der Fälle zu meinem Erfolg so gegen 7.45 führte, d.h. 15 Minuten nach Öffnung der Tür war ich fertig und konnte zur Arbeit fahren.

Nicht aber heute! Denn ab dem 1.12.2009 gilt eine neue Regelung, welche den Prinzipen des Human-Kinds voll ensprechen sollte. Den Besuchern soll mit dieser Regelung viel Zeit erspart werden und die Produktivität bei der Ausländerbehörde wird natürlich immens steigen. Oder?

Ab heute kommt man zu einem persönlichen Gespräch mit einem der Beamten nur mit einem davor vereinbarten Termin! Die Formulare zur Terminvereinbarung sind im Flur zu haben. Man trägt dort seinen Vor- und Nachnamen, Geburtsdatum, Adresse und Staatsangehörigkeit ein (sind sicherlich notwendige Angaben für eine Terminvereinbarung). In der letzten Zeile des Formulars kann der Antragsteller bis zu zwei Wunschtermine angeben. Anschließend wird darauf hingewiesen, dass es möglich sein kann, dass keine Termine zu angegebenen Wunschzeiten verfügbar sein können und dass man dann einen anderen Termin bekommt. Dieses Formular gibt man unten am Infoschalter ab. Dort fragte ich, wie es weiter gehen soll und bekam als Antwort, dass die zuständigen Kollegen mit mir Kontakt aufnehmen werden, evtl. per Post. Da ich als Wunschtermin den nächsten Tag eintrug (war wohl eine nicht so gut überlegte Handlung meinerseits) fiel mir ein, dass der Kontakt per Post wohl schwierig sein wird, weswegen ich fragte, wie schnell man denn mit einem Termin rechnen kann. Die Antwort überraschte mich nicht mehr, führte aber höchstwahrscheinlich zum erhöhten Blutdruck: “Innerhalb der nächsten 10 bis 14 Tage”.

Und jetzt nochmal kurz die Gegenüberstellung der Methoden:

  • Bis gestern musste ich einmal früher aufstehen, einmal zur Ausländerbehörde gehen und dort 45 min. verbringen.
  • Ab heute muss man nicht unbedingt früh aufstehen (hängt vom Termin ab), man muss aber zwei mal zum Amt gehen, ca. zwei Wochen lang auf einen Termin warten und diesen ggf. telefonisch “nachbessern”, falls es keine Möglichkeit für den Wunschtermin gab und man sowas wie Dienstag, 11.45 bekommt.

Einen Vorteil sehe ich aber trotzdem: Die ganzen Hinweisschilder an den Türen sind verschwunden, momentan hängt jeweils nur ein Zettel – “Vorsprache nur mit Termin möglich”.

Dabei stelle ich mir eine Frage, nicht zum ersten mal. Bin ich verrückt oder ist es die Welt um mich herum? Und noch eine: Sollen wir sowas wirklich akzeptieren? Oder sollen wir irgendwie protestieren? Andernfalls werden doch als Nächstes Termine zum Verteilen und Ausfüllen von Terminvereinbarungsformularen vergeben! Wollen wir das?

One thought on ““Bürokratie 2.0” oder “Wie wird unser Leben leichter gemacht …”

  1. Das ist unglaublich!…Ich bin sprachlos…Ich frage mich was daran besser und schneller sein soll?…nur so eine Idee: Wie im Beitrag bereits erwähnt, musste man ja früher hingehen, ne Nummer “ziehen”, und warten….und so war es desöfteren der Fall, dass sich im Flur mehrere Menschen versammelten, die eine Nummer hatten und darauf brannten endlich mit einem Berater sprechen zu dürfen. Bei den unglaublich langen Öffnungszeiten der Ausländerbehörde (bis 7.30-12 Uhr!!!) wird es wohl niemanden verwundern, dass bei solch einem Nachfrageüberschuss die armen Berater hin und wieder Überstunden schieben mussten, um die unverständlicherweise ungeduldigen Menschen im Flur (die ja nur seit 1..2..Stunden warteten) doch noch zu “beraten”…Können wir es denn diesen netten Menschen übel nehmen, dass sie es satt hatten nicht rechtzeitig ihre wohlverdiente Mittagspause machen zu können, nach solch einem laaangen, anstrengenden Arbeitstag?….
    Mal ehrlich: Da war wohl ein “Organisationsgenie” am Werk! Wir sind wohl einfach nicht in der Lage die ganze Genialität dieser Neuerung zu begreifen…

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